Fjodor Dostojewski über Europa: ein Prophet im fremden Land
Einführung: die Perspektive «nicht als Tourist
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) bildete sein Verhältnis zu Europa nicht durch abstrakte Theorien, sondern durch tief persönliche und oft traumatische Erfahrungen. Sein Aufenthalt in Europa von 1862–1863 und 1867–1871 war nicht ein «großes Reise», sondern eine zwangsweise Emigration, ein Flucht vor Gläubigern und die Suche nach künstlerischer Ruhe. Dies bestimmte seine Position als leidenschaftlicher, parteiischer und durchschauter Kritiker der westlichen Zivilisation, der in ihr nicht nur kulturelle Errungenschaften, sondern auch die geistige Krankheit der Zukunft sah.
Schlüsselpunkte: Diagnose «der europäischen Krankheit»
Das Verständnis Dostojewskis von Europa ist keine umfassende philosophische Systematik, sondern eine Sammlung von hellen, oft polaren Intutionen, die in Publizistik («Winterliche Notizen über sommerliche Eindrücke», «Tagebuch des Schriftstellers») und literarischen Texten («Idiot», «Die Dämonen», «Der Jugendliche») zum Ausdruck gebracht wurden. Seine Kritik konzentriert sich auf mehrere Knoten:
Bürgertum als Antigeist. Europa ist für ihn das Triumph des «Bourgeois», dessen Ideal der «ruhige und unumstrittene Komfort», das Anhäufen von Reichtum und der Individualismus ist. In den «Winterlichen Notizen...» beschreibt er den Londoner City mit Abscheu als das Inkarnationsobjekt der babylonischen Sehnsucht: «Alles strebt nach Entfremdung, nach Isolation... jeder für sich und nur für sich». Diese Gesellschaft hat die brüderliche Verbindung zwischen Menschen verloren.
Katholizismus und Sozialismus als zwei Seiten einer Abweichung. Das ist eine der paradoxesten und berühmtesten Ideen Dostojewskis. Er glaubte, dass der Katholizismus, der den universellen Ideal des Christentums wegen der weltlichen Macht verändert hat, und der Sozialismus, der aus dem Protest gegen die atheistische Zivilisation erwachsen ist, ein Phänomen desselben Ordnun ...
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