Tragödie oder Lied des Ziegenbocks: Vom Dithyrambus zum universellen Gesetz
Das Wort „Tragödie“ hat sich als Bezeichnung für die höchste Stufe des Leides etabliert. Sein ursprünglicher griechischer Begriff τραγῳδία (tragōidía) bedeutet jedoch wörtlich „Ziegenlied“ (von tragos — Ziege und ōidē — Lied). Dieser seltsame, fast paradoxale Begriff ist der Schlüssel zum Verständnis einer der greatest Erfindungen des antiken Geistes — der künstlerischen Form, die das rituelle Akt in ein Gesetz des menschlichen Daseins vor dem Schicksal, den Göttern und der eigenen Natur verwandelte.
Ursprünge: Zwischen Ritual und WettkampfDer wissenschaftliche Konsens verknüpft die Entstehung der Tragödie mit dem Dithyrambus — einem Chorgesang zu Ehren des Dionysos, des Gottes des Weines, des Ekstases und der lebensverjüngenden Kräfte der Natur. Während der Dionysienprozessionen trugen die Teilnehmer, die in Ziegenfelle und Masken gekleidet waren (oder nach einer anderen Version um einen lebenden Ziegenbock als Preis wetteiferten), Lieder vor, die von den Leiden des Gottes erzählten. Schließlich trennte sich aus dem Chor der erste Schauspieler (nach der Tradition war es Thespis im 6. Jahrhundert v. Chr.), der in einen Dialog mit dem Chor trat. So wurde die dramatische Struktur geboren.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Tragödie von Anfang an kein Vergnügen, sondern ein sakral-politischer Akt war. Ihre Aufführung in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. während der Großen Dionysien war ein Ereignis von staatlicher Bedeutung. Drei Tage lang besuchten alle Bürger die Wettbewerbe der tragischen Dichter (jeder vertrat eine Tetralogie — drei Tragödien und eine Satyrdramen), was ein kollektiver Erfahrungskatharsis (Oxyrhynchus) war — ein von Aristoteles in der „Poetik“ eingeführter Begriff, um das Wirken der Tragödie zu beschreiben, das „Mitleid und Angst“ erregt und so zu einer emotionalen und ethischen Entspannung führt.
Struktur des Weltgefühls: Held, Schicksal, Hybris
Die klassische attische Tra ...
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